#2
Ich bin gekündigt worden, gefeuert - und das genau sechs Wochen vor Weihnachten, meiner Meinung nach ein extrem unwürdiger Zeitpunkt für einen Rausschmiss.
Ich habe meine berufliche Laufbahn als Buchhalterin begonnen. Ab dem reifen jugendlichen Alter von vierundzwanzig hatte ich eine Stelle bei Trent & Bogle, einer großen Firma, in der ich es ein Jahr aushielt. Dann wechselte ich von heute auf morgen zu Start It Up, wo ich Leute, die vor hatten, ein eigenes Unternehmen zu gründen, finanziell beriet und anleitete. Meiner Erfahrung nach legen sich die meisten Menschen zu einem Ereignis zwei Geschichten zurecht: die öffentliche und die wahre.
Ich beispielsweise erzähle, dass ich nach achtzehn Monaten kündige, um mich selbstständig zu machen, weil die Menschen, die in mein Büro kamen, mich so inspiriert hatten, dass mich der Wunsch überwältigte, meine eigenen Ideen zu verwirklichen. In Wirklichkeit aber irritierte es mich, dass manche meiner Kunden ihr Projekt einfach nicht richtig umsetzten. Also gründete ich, hoch motiviert und leistungsorientiert, wie ich nun mal bin, lieber selbst eine Firma, und das so erfolgreich, dass sie mir schon nach kurzer Zeit jemand abkaufen wollte. So verkaufte ich sie.
Dann baute ich eine neue Firma auf, verkaufte auch diese, und gleich kam mir die nächste Idee. Aber das dritte Mal hatte ich nicht einmal Zeit, meine Idee ordentlich zu entwickeln, weil ein anderes Unternehmen sie entweder so toll fand oder aus Konkurrenzgründen so hasste, dass es sie vom Fleck weg kaufen wollte. Das wiederum führte zu meiner Arbeitsbeziehung mit Larry, dem jüngsten Start-up-Unternehmen und dem einzigen Job, aus dem ich je gefeuert worden bin.
Das Geschäftskonzept dieses Start-ups war ursprünglich Larrys Idee, und wir entwickelten sie gemeinsam weiter. Ich war Mitgründerin der Firma und hegte und pflegte dieses Baby, als hätte ich es selbst zur Welt gebracht.
Unsere Firma trug den Namen Idea Factory; wir halfen Unternehmen mit ihren eigenen ambitionierten Ideen. Dabei nahmen wir ihre Ideen als Grundlage und verbesserten sie, oder wir entwickelten unsere eigenen Konzepte und brachten sie entsprechend zur Anwendung. So kreierten wir zum Beispiel für ein Coffee-Shop die Daily Fix, eine Zeitung mit lokalen Berichten, eine Publikation, die ansässige Unternehmen, Schriftsteller und Maler unterstützte, oder arbeiteten mit einem Sexshop an dem Projekt, im Laden Eis zu verkaufen - übrigens meine Idee und ein Riesenerfolg. Ich liebte meine Arbeit.
Wenn ich es jetzt in meiner ja reichlich vorhandenen Freizeit analysiere, dann sehe ich, dass meine Beziehung zu Larry schon seit einiger Zeit nicht mehr richtig funktionierte. Ich steuerte, vielleicht etwas betriebsblind, auf das Ziel ,,Firma verkaufen" zu, wie ich es schon dreimal durchexerziert hatte - während Larry sie selbst weiterführen wollte. Ich glaube, ich habe meinen Plan zu stark forciert, indem ich ständig Ausschau nach potentiellen Käufern hielt, obwohl ich tief in meinem Inneren wusste, dass Larry daran überhaupt nicht interessiert war - und das setzte ihn unter Druck. Ich traf Entscheidungen mit dem Ziel, mich von dem Projekt zu verabschieden, er dagegen hatte nichts anderes im Sinn, als es festzuhalten.
Wenn man sich anschaut, wie Larry mit seiner halbwüchsigen Tochter und seiner Frau umgeht, dann weiß man, dass er diese Philosophie so ziemlich auf jeden Aspekt seines Lebens anwendet. Festhalten um jeden Preis!
Ich bin dreiunddreißig und habe vier Jahre in unserer Ideenfabrik gearbeitet. Ich war nie krank, es gab nie Klagen, keine Vorwürfe, keine Abmahnung, ich hatte unpassende Liaison - jedenfalls keine, die negative Auswirkungen auf die Firma gehabt hätte. Ich habe in meinem Job alles gegeben, mir selbst zuliebe, weil ich es so wollte, aber ich habe schon damit gerechnet, dass die Maschinerie, für die ich arbeite, mir etwas zurückgibt und das, was ich für sie getan habe, honoriert. Meine frühere Überzeugung, dass Gefeuertwerden nichts Persönliches ist, beruhte darauf, dass ich selbst noch nie gefeuert worden war, sondern andere Leute hatte feuern müssen. Inzwischen weiß ich, dass es etwas sehr Persönliches ist, denn mein Job war mein Leben.
Kaum zwei Monate sind vergangen, und schon melden sich bei mir Zweifel, ob ich überhaupt noch ein vollwertiger Mensch bin. Ich habe keine Aufgabe, ich habe der Welt nichts zu bieten. Ich fühle mich nutzlos. Sicher, ich weiß, es ist nur ein vorübergehender Zustand und ich werde meine Rolle irgendwann wieder erfüllen können, aber im Moment fühle ich mich einfach so.
Schon im Lauf des ersten Monats war fast alles erledigt, was ich mir am stressigen Tagen erträumt habe. Kurz vor Weihnachten habe ich einen Strandurlaub gemacht, und jetzt bin ich braungebrannt und friere. Ich habe mich mit meinen Freundinnen getroffen - fast durch die Bank junge Mütter, entweder neuerdings in Elternzeit oder bereits in der Verlängerung oder in der Phase, in der sie vielleicht nie wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, und wir haben zusammen Kaffee getrunken zu einer Tageszeit, zu der ich in der Öffentlichkeit früher nie Kaffee getrunken habe. Jetzt kann ich ganz spontan meiner Schwester einen Besuch abstatten, was bisher nie möglich war. Aber sie gerät jedes Mal völlig aus der Fassung, und wenn ich bei ihr bin, fragt sie mich ständig, wie spät es ist - als hätte ich ihre innere Uhr durcheinander gebracht.
Ich habe Weihnachtsgeschenke gekauft und hatte noch reichlich Zeit übrig. Ich habe echte Weihnachtskarten aus Papier gekauft und rechtzeitig abgeschickt, zweihundert Stück. Ich gehe sogar für meinen Vater einkaufen. Ich bin ultra effiziert, so war ich schon immer.
Die Arbeitslosigkeit hat mich dazu gebracht, mich dem zu stellen, was ich an der Welt und an mir selbst am wenigsten mag. In meinem Job konnte ich mich verstecken und ablenken. Ohne Job muss ich den Dingen ins Gesicht schauen, über sie nachdenken, sie infrage stellen und eine Möglichkeit finden, auch mit dem zurechtzukommen, was ich seit langem vermeide. Das schließt auch das Viertel mit ein, in das ich vor vier Jahren gezogen bin und mit dessen Bewohnern ich nie etwas zu tun hatte - bis jetzt.
Es ist Silvester. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich allein.
Draußen heult der Wind mit solcher Kraft, dass ich mich frage, ob er vorhat, mein Dach abzudecken. Heute ist der stürmischste Tag, den Irland seit Menschengedenken erlebt hat. Ganz Großbritannien ist betroffen, und auch die USA bleibt nicht verschont.
Es gibt Flutwarnungen, völlig durchnässte Live-Reporter stehen bibbernd und mit blau gefrorenen Lippen an der Küste und beschwören die Anwohner, zu Hause zu bleiben. Seit zwei Tagen steht die Straße, die ich am häufigsten benutze, wenn ich irgendwohin fahre, komplett unter Wasser. Ausgerechnet in einer Zeit, in der ich mich unbedingt beschäftigen wollte, geradezu beschäftigen müsste, bringt Mutter Natur mich gnadenlos zum Stillstand. Ich weiß, was sie vorhat: Sie will mich zum Nachdenken zwingen, und sie schafft es tatsächlich! Deshalb beginnen jetzt alle Gedanken, die ich mir über mich selbst mache, mit Vielleicht ... - weil ich auf eine Art über mich nachdenken muss, wie ich noch nie über mich nachgedacht habe, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt kann.
Im Heulen des Sturms ist das Bellen des Hundes gegenüber kaum zu hären. Ich glaube, Dr Jameson hat mal wieder vergessen, ihn ins Haus zu lassen. Den Namen des Hundes kenne ich nicht, aber es ist ein Jack Russell Terrier. Ich nenne Dr Jameson den ehrenwerten Gentleman, weil er ziemlich nobler Siebzigjähriger ist, pensionierter Arzt, der nebenbei auch noch Vorsitzender von ungefähr jedem Club war, Schach, Bridge, Golf, Cricket. Jetzt ist er Vorsitzender unseres Eigentümervereins, der sich um Laubsaugen, den Austausch von kaputten Birnen in Straßenlaternen, die Nachbarschaftswache und so weiter kümmert. Er redet mit mir, als richte er seine Sätze immer knapp über meinen Kopf hinweg - Kinn vorgereckt, Nase in der Luft, wie ein Laienschauspieler. Aber er ist nie direkt unhöflich, so dass ich auch keinen Grund dafür habe, meinerseits unhöflich zu sein, ich halte mich einfach nur auf Distanz. Das mache ich immer, wenn ich Menschen nicht richtig einschätzen kann.
Bis vor einem Monat wusste ich nicht einmal, dass Dr Jameson überhaupt einen Hund besitzt, aber inzwischen weiß ich für meinen Geschmack ja schon viel zu viel über meine Nachbarn.
Ich kann die Party, die Mr und Mrs Murphy im Haus neben mir veranstalten, zwar sehen, aber nicht hören - es ist ihre übliche ausgelassene Silvesterfeier. Sie beginnt und endet jedes Jahr mit traditionellen irischen Liedern, Mr Murphy spielt die Bodhran, und Mrs Murphy singt mit solch einer traurigen Innigkeit, als säße sie mitten auf einem Acker mit verrotteten Kartoffeln.
Ich war zu drei Partys eingeladen, aber ich konnte mir wirklich nichts Schlimmeres als Party-Hopping vorstellen, obendrein hätte ich mir am Silvesterabend bei diesem Wetter und in meiner momentanen Stimmung ein Taxi besorgen müssen. Außerdem sollen die Fernsehprogramme an Silvester echt großartig sein, und ich will mir davon heute endlich mal selbst ein Bild machen. Also wickle ich mich fester in meine Kaschmirdecke, trinke einen Schluck Rotwein und bin zufrieden mit meiner Entscheidung, allein zu bleiben. Wieder heult der Wind mit aller Kraft, und ich greife nach der Fernbedienung, um die Lautstärke hochzudrehen, aber im selben Moment erlischt im ganzen Haus das Licht, und der Fernseher geht aus. Ich sitze im Dunkeln.
Ein kurzer Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass die ganze Straße keinen Strom hat. Im Gegensatz zu den anderen, mühe ich mich erst gar nicht mit Kerzen ab, sondern nehme die Dunkelheit als zusätzlichen Grund, mich die Treppe hinaufzutasten und ins Bett zu klettern, obwohl es gerade mal zehn Uhr ist. Zuerst schaue ich mir die Silvester-Show auf meinem iPad an, und als der Akku leer ist, höre ich ein bisschen Musik auf meinem iPod, der allerdings auch schon einen bedrohlichen niedrigen Akku Stand anzeigt, der so rasant zur Neige geht, dass ich die verbleibenden Songs kaum genießen kann. Zum Schluss stelle ich meinen Laptop an, und als auch er den Geist aufgibt, möchte ich am liebsten losheulen.
Dann höre ich ein Auto auf der Straße und weiß, jetzt gibt es Action.
Ich klettere aus dem Bett und ziehe die Vorhänge zurück. In ein paar Häusern sehe ich flackernden Kerzenschein, aber sonst ist alles stockdunkel, denn die meisten meiner Nachbarn sind über siebzig und vermutlich schon im Bett.
Ich schaue hinaus. Und da sehe ich Sie.