Cecelina Ahern ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Welt. Sie wurde 1981 in Irland geboren und studierte Journalistik und Medienkommunikation in Dublin. Mit 21 Jahren schrieb sie ihren ersten Roman, der sie sofort international berühmt machte: >P.S. Ich liebe Dich>, verfilmt mit Hilary Swank.
Danach folgten Jahr für Jahr weitere weltweit veröffentlichte Bücher in Millionenauflage. Die Autorin wurde für ihr Werk mehrfach ausgezeichnet, schreibt auch Theaterstücke und Drehbücher und konzipierte die TV-Serie >Samantha Who?< mit Christina Applegate sowie einen Zweiteiler für das ZDF. Auch ihr Roman >Für immer vielleicht< wurde fürs Kino verfilmt. Cecelina Ahern lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Norden von Dublin.
#1 - Winter
Ich war fünf Jahre alt, als ich erfuhr, dass ich irgendwann einmal sterben würde.
Dass ich nicht ewig leben würde, war mir bis dahin nie in den Sinn gekommen, warum auch? Niemand hatte ja ein Wort darüber verloren, nicht einmal flüchtig. So war es ein ziemlicher Schock für mich, als ich erfuhr, dass der Tod auch mich irgendwann einmal erwischen würde.
Es war am Tag der Beerdigung meines Großvaters, als ich von meinem Cousin Kevin über meinen bevorstehenden Tod aufgeklärt wurde. An diesem heißesten Tag des Jahres saßen wir im Gras im langgezogenen Garten meines Großvaters und tranken rote Limonade aus Plastikbechern. Die Wiese war übersät mit Löwenzahn und Gänseblümchen und viel höher als sonst, denn aufgrund seiner Krankheit hatte Großvater es in seinen letzten Wochen nicht mehr geschafft, den Garten richtig zu pflegen. Ich erinnere mich, dass ich traurig war und Großvater gern davor bewahrt hätte, dass sein wunderschöner Garten ausgerechnet an diesem Tag, an dem er sich nicht befand, so vielen Nachbarn und Freunden präsentiert wurde. Eine ältere Dame, die sich ihren Rosenkranz ganz fest um die Fingerknöchel geschnürt hatte, behauptete, sie fühle seine Präsenz im Garten, aber ich merke nichts davon. Ich war ganz sicher, dass mein Großvater nicht anwesend war. Der Zustand des Gartens hätte ihn geärgert, er wäre ihm unerträglich gewesen.
Immer wieder füllte Großmutter eine Gesprächspause mit Bemerkungen wie: ,,Ja, jetzt ist er selber der Dünger."
Alle lachten leise. Über Kevins Kommentare wurde immer gelacht, denn Kevin war cool. Er war der Älteste, fünf Jahre älter als ich, und als reifer Zehnjähriger sagte er gemeine und grausame Dinge, die sich kein anderer von uns Kindern getraut hätte. Selbst wenn wir etwas gar nicht lustig fanden, lachten wir, denn wir wussten, dass wir sonst umgehend zur Zielscheibe seiner Gemeinheiten wurden. An jenem Tag traf es mich. Ich fand es einfach nicht witzig, dass mein toter Großvater unter der Erde lag und den Petunien beim Wachsen half. Ich fand es auch nicht schrecklich. Nein, für mich war es eher eine schöne, irgendwie bereichernde Vorstellung - und vor allem schien es mir richtig. Genau das hätte Großvater gewollt, jetzt, wo er nicht mehr mit seinen dicken Wurstfingern zum Blühen und Gedeihen seines wundervollen Gartens beitragen konnte, der das Zentrum seines Universums gewesen war.
Kevin interpretierte die Tatsache, dass ich über seinen Todeswitz nicht lachte, fälschlicherweise als Missbilligen, und es gab nichts, was er mehr hasste und fürchtete. Deshalb richtete er seinen wilden Blick auf mich und verkündete: ,,Du wirst auch mal sterben, Jasmine."
So saß ich als Jüngste im Kreis von sechs weiteren Kindern und versuchte, die Tatsache meines zukünftigen Todes zu verdauen, während meine Schwester sich neben uns damit vergnügte, sich so lange im Kreis zu drehen, bis ihr schwindelig wurde und sie ins Gras plumpste.
Da ich lange schwieg, ging Kevin gnadenlos weiter in die Einzelheiten: Nicht nur würde ich sterben, davor würde ich auch noch von etwas heimgesucht werden, das sich Periode nannte und mir für den Rest meines Lebens jeden Monat unerträgliche Qualen bereiten würde. Dann erfuhr ich in allen Einzelheiten, wie Babys gemacht wurden, und die Beschreibung war so abstoßend, dass ich meinen Eltern eine Woche lang kaum in die Augen sehen konnte. Wie um noch weiter Salz in meine Wunden zu streuen, gipfelte das Ganze in der Information, dass es keinen Weihnachtsmann gab.
Warum ich diese Episode aus meinem Lebens erwähne? Nun, weil ich damals entstanden bin - ich, wie ich mich heute kenne und wie alle anderen mich kennen. Die Erkenntnis, dass ich sterben würde, hat etwas in mir verändert, was mich bis zum heutigen Tag prägt: Mir ist klar geworden, dass die Zeit an sich zwar unendlich, meine Zeit jedoch begrenzt ist und irgendwann zu Ende gehen wird. Natürlich kann jeder mit seiner Zeit machen, was er für richtig hält, aber ich lasse mich da nicht mit hineinziehen; ich will meine Zeit nicht verschwenden. Wenn du etwas tun willst, musst du es jetzt tun. Wenn du etwas sagen willst, musst du es jetzt sagen. Und noch wichtiger: Du musst es selbst tun. Es nicht dein Leben, du bist derjenige, der stirbt, du bist derjenige, der dieses Leben irgendwann verliert. So gewöhne ich mir an, immer in Bewegung zu bleiben, Dinge ins Rollen zu bringen. Ich arbeite in meinem Rhythmus, der mich selbst oft so atemlos machte, dass ich kaum einen Augenblick fand, mich zu besinnen, zu mir zurückzufinden. Ich jagte mich, ich hetzte mich und schaffte es nur selten, mich einzuholen. Denn ich war schnell.
Als wir den sonnenverbrannten Trauergästen an jenem Abend zurück nach Hause folgten, nahm ich von unserem Treffen im Gras viel mehr mit als nur die Gänseblümchen, die von meinen Hand- und Fußgelenken baumelten und in meine Haare geflochten waren. Mein Herz war voller Angst, aber es dauerte nicht lange, bis ich sie auf die einzige für eine Fünfjährige mögliche Art verarbeitet hatte. Wenn ich an den Tod dachte, dachte ich immer an meinen Großvater Adalbert Mary, der unter der Erde lag und selbst dort noch seinen Garten zum Wachsen brachte, obwohl er nicht mehr da war, und das gab mir Hoffnung.
Man ernte das, was man gesät hat. Und ich machte mich fleißig ans Säen.
